Foto: Neue Westfälische

Heinz Gell ist Rasenmeister und Platzwart aus Leidenschaft. Seit zehn Jahren pflegt er den Rasen des Sportplatzes in Willebadessen auf bundesligareifen Niveau. Das hat sich inzwischen bis zu Erstligisten und Landschaftsbaufirmen herumgesprochen. Und so wird Heinz Gell im kommenden Jahr beim Sportrasen- Seminar in der Arena des FC Schalke 04 dabei sein – gemeinsam mit 24 Platzwarten aus ganz Deutschland.
Vor zehn Jahren spielte die erste Mannschaft des TuS Willebadessen zum ersten Mal auf ihrem neuen Rasenplatz. Seit jener Zeit kommt Heinz Gell fast jeden den kurzen Fußweg von seinem Haus zum Sportplatz. Doch während Andere die Fußballer beim Trainieren oder bei spannenden Spielen beobachten, schaut er auf den Rasen.
Vorsichtig tritt er auf das Grün, das so dicht wie ein Teppich ist und hebt den Fuß. „Wenn sich die Blätter nicht sofort wieder heben, sind sie schlapp und der Rasen beginnt zu welken“, erklärt der heute 62-Jährige. Ein Zeichen dafür, dass der Rasen wieder beregnet werden muss. Dann dreht er die Leitungen der Beregnungsanlage mit den 17 Regner auf und lässt rund 80 Kubikmeter Wasser aus einem Tiefbrunnen auf den Rasen rieseln. „Dass muss soviel sein, damit der Rasen wurzeltief nass ist“, sagt Gell. Je nach Witterung ist eine Bewässerung alle acht bis zehn Tage notwendig, denn der Boden besteht vor allem aus Weserkies. Darin versickert das Wasser schnell.
Die tägliche Arbeit am Rasen ist sein Hobby, auch wenn Gell nicht ganz freiwillig zu dieser Arbeit kam: „Wir bekamen den neuen, teuren Rasenplatz und niemand wollte sich so richtig darum kümmern. Als Vorstandsmitglied fand ich dass sehr schade, denn ohne intensive Pflege geht der Rasen schnell kaputt“, erzählt Gell. Durch Bücherlektüre brachte er sich selbst ein umfangreiches Wissen um die Sportrasenpflege bei. Bald wurden auch Landschaftsbaufirmen, die Düngemittel herstellen, auf den besonders gepflegten Rasen in Willebadessen aufmerksam. Gell wurde zu Rasenpflegeseminaren eingeladen. So war er in diesem Jahr bei einer Weiterbildung in der Sportschule Kaiserhof bei einer Firma, die in einigen Stadien den WM-Rasenverlegt hat.
Wenn er dann wieder zurück auf seinem Platz ist und so manch kampfbetontes Spiel in der Kreisliga beobachtet, würde er am liebsten dazwischenfunken. „Ich würde manchmal gern Rote Karten verteilen, vor allem, wenn der Rasen mutwillig zertreten wird“, gesteht der Willebadessener. „Aber mit der Zeit wird man auch gelassener.“ Noch schlimmer als stümperhafte Rasentreter sei allerdings das Betreten des Rasens bei Bodenfrost: „An dieser Stelle brechen die Blätter und der Rasen wird braun. Im Frühjahr muss dort neu eingesät werden und es dauert lange, bis die Stelle nachwächst.“
Heinz Gell gibt sich viel Mühe mit seinem Willebadessener Rasen. So wird das Grün in der Hauptwachstumszeit zweimal in der Woche auf 35 Millimeter gestutzt. Dafür hat er sich aus zwei von der Stadt ausgemusterten Großrasenmähern einen eigenen so genannten Spindelmäher zusammengebaut. „Der mäht mit einer Walze. Das ist besser für den Rasen als herkömmliche Sichelmäher, weil Mähen für ihn immer Stress bedeutet“, erläutert Gell.
Dreimal im Jahr wird der Rasen in Willebadessen zudem gelüftet, also vertikutiert und aerifiziert. „Dabei werden tote Blätter und oberirdische Wurzeln aus dem Gras geholt. Das ist wichtig, um Pilze und Schneeschimmel zu vermeiden“, so Gell. Danach kommen Löcher in den Boden, damit die Wurzeln atmen können. „Dabei geht schon mal ein ganzer Arbeitstag drauf.“ Auch das zweimonatliche Düngen ist eine Wissenschaft für sich. „Dafür kommt alle zwei Jahre eine Düngemittelfirma, nimmt Bodenproben und analysiert den Rasen. Dann wird speziell für uns eine Düngemittelmischung zusammengestellt“, erläutert Gell. Regelmäßiges Düngen sei für das stetige Wachstum des Rasens unerlässlich, da der Magerboden kaum eigene Nährstoffe hat.
Unter den Sportvereinen ist Gell bekannt für seine intensive Rasenpflege. Nicht nur, dass viele Vereine aus dem Paderborner Raum gern in Willebadessen Trainingsspiele machen wollen oder sich Rat für die Rasenpflege holen. Einige höherklassige Vereine wollten den passionierten Rasenmeister auch abwerben.
Seine zweite Leidenschaft sind Fahrten mit dem Peckelsheimer BVB-Fanclub zu Heimspielen nach Dortmund. „Auch dort geht mein erster Blick immer nach unten“, gesteht Gell, der auch ein bisschen traurig ist über die neuartige Rollrasenmentalität in den modernen Bundesligaarenen.
„Schlimm wie der Rasen dort manchmal aussieht. Aber der bekommt ja auch kein Licht und keinen Wind. Dann wird er dreimal im Jahr für rund 120.000 Euro ausgewechselt“, berichtet Gell und ergänzt selbstbewusst: „Mancher Bundesligist wäre froh, einen Rasen wie Willebadessen zu haben.“

Quelle: Neue Westfälische vom 11.08.2006: „Platzwart ist bundesligareif“

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Der Rasensportplatz in Willebadessen entspricht der Qualität von Bundesligastadien, wie sie in der DIN 18035 festgelegt ist. „Dieser Aufbau ist notwendig, damit auch bei starkem Regen bis zu 60 Liter pro Quadratmeter der Rasen schnell wieder bespielbar ist“, erklärt der ehrenamtliche Willebadessener Rasenmeister Heinz Gell. So ist auf dem Sportplatz der Eggestadt eine 4,20 Meter tiefe Drainage aus PVC-Rohren zur künstlichen Entwässerung des Bodens eingebaut. Darüber folgt eine 15 Zentimeter starke Wesersandschicht. Die ebenso Rasentragschicht ist eine Mischung aus Wesersand, 30 Prozent Mutterboden Lavamehl, Torf und Kompost. Am Anstosspunkt ist der Willebadessener Platz übrigens genau 29 Zentimeter höher als an den Seitenlinien, damit das Wasser schneller abfließen kann.